

Frankfurter Rundschau vom 13.02.2003
Böhmische Kindheit
 Die Violinistin Tanja Becker-Bender ist in der Alten Oper mit Antonin Dvoráks Violinkonzert zu Gast
Tanja Becker-Bender ist 24 Jahre alt, gewann zahlreiche Preise und Stipendien auf internationalen Wettbewerben und wird von der Kritik als "große Entdeckung" gefeiert. Am kommenden Samstag, 15. Februar (20 Uhr), gibt die Stuttgarterin ihr Debüt mit Dvoráks Violinkonzert in Frankfurts Alter Oper. FR-Mitarbeiterin Kirsten Liese sprach mit der Geigerin. (Bild: Christian Steiner)
FR: Frau Becker-Bender, die Konkurrenz unter hoch talentierten Geigerinnen Ihres Alters wird immer größer. Belastet Sie es, an berühmten Kolleginnen wie Hilary Hahn, Chloe Hanslip oder Leila Josefowicz gemessen zu werden?
Tanja Becker-Bender: Wenn schon gemessen werden muss, was eigentlich nicht gemessen werden sollte, hoffe ich, dass das Spiel der männlichen Kollegen einbezogen wird. Aber Spaß beiseite, sicher wird man als junge Geigerin heute leicht kategorisiert und mit anderen verglichen. Aber es ist ja nicht alles festgelegt in der Komposition! So bleibt dem individuellen Charakter der Interpretinnen viel Freiraum für die Art und Weise, wie ein Werk zum Leben gebracht wird - und darin unterscheiden wir uns alle sehr.
Sie unterscheiden sich auch im äußeren Auftreten. Von schulterfreien Abendkleidern, die seit Anne-Sophie in Mode gekommen sind, halten Sie nichts.
Nichts gegen einen persönlichen Stil in der Kleidung. Schade allerdings, wenn Äußerlichkeiten zur Zurschaustellung werden, vom Sinn unseres Tuns zumindest ablenken und Selbstzweck werden.
Sie alle werden oft als Wunderkinder bezeichnet.
Ich finde es absurd, dieses Wort, das zuerst dem jungen Mozart galt, so inflationär zu brauchen. Selbst Mozart hatte bei aller Ausstellung, die er als Kind erfahren musste, die allerbeste Ausbildung nötig, um seine innere Welt schaffen und ausdrücken zu können.
Ging der Wunsch, schon im frühen Kindesalter Geige zu lernen, von Ihnen aus?
Ich stamme aus einer böhmischen Musikerfamilie. Meine Großmutter war aber die einzige Profimusikerin. Von ihr hatten wir zahlreiche Geigen, die ich ganz selbstverständlich in die Hand nahm. Meinen ersten Unterricht erhielt ich mit sechs Jahren. Nach und nach wurde es immer ernster mit der Musik. Neben dem Konzertalltag, der sich allmählich einstellte, habe ich die Schule weiter besucht. Ich bin froh, dass meine Eltern darauf bestanden, dass ich Abitur mache, und dass ich mit einer Haltung aufwachsen konnte, die bei aller intensiver Beschäftigung mit der Musik einen größeren Lebenszusammenhang sehen lässt.
Hilary Hahn hat sich in einem Interview einmal sehr beschwert, dass so oft behauptet werde, eine junge Geigerin habe noch nicht die Reife für bestimmte Werke.
Es wäre ja schlimm, wenn Lebenserfahrung keine Rolle spielen würde, das Älterwerden wäre ja nur eine Strafe! Trotz allem gibt es keinen Grund, nicht schon in jungen Jahren viel sagen zu können - was vielleicht sogar für ältere Hörer von besonderem Interesse ist angesichts frischer Ideen und ungebrochener Begeisterung.
Um welche Werke oder Komponisten machen Sie derzeit noch einen Bogen?
Ich habe keinen bewussten Bogen um bestimmte Werke gemacht, hatte aber vor manchen so viel Respekt, dass ich mir lange Zeit gelassen habe. Zum Beispiel habe ich Beethovens Kreutzer-Sonate erst nach den anderen Sonaten Beethovens gespielt.
Seit wann beschäftigen Sie sich mit Dvoráks Violinkonzert?
Antonin Dvoráks Musik gehört zu den ersten musikalischen Entdeckungen meiner frühen Kindheit, und viele seiner Werke sind mir im Laufe der Jahre sehr ans Herz gewachsen. Das Violinkonzert hatte schon immer eine besondere Bedeutung für mich: Es war eines der ersten großen Konzerte, das lernen zu dürfen ich meinen ersten Lehrern noch abgetrotzt habe. Ich konnte es später dann häufig aufführen und kann nun endlich, mit einigen Jahren Distanz, wieder zu diesem Konzert zurückkehren.
Inwiefern spielen Sie es heute anders?
Ich werfe einen genaueren Blick auf die Komposition: Die sehr freie, eigenwillig rhapsodische Form und die unglaublich sensibel detaillierte und farbenreiche Instrumentierung sind ganz einzigartig in diesem Stück!
Sie haben oft Ihre Lehrer gewechselt, haben in Salzburg, Wien und London studiert. Derzeit bilden Sie sich bei Robert Mann in New York fort. Wie bekommt Ihnen das Vagabundenleben?
Viel zu gut! So könnte es immer weitergehen, alle paar Jahre eine neue Metropole als "Basislager"... Aber auch mit einem dauerhaften festen Wohnort. kann man ja als Musiker mit vielen Reisen rechnen, auf die ich immer neu gespannt bin. Meine Wurzeln sehe ich gleichwohl auf jeden Fall in Europa, auch wenn das Leben in den USA im Moment sehr anregend und in positiver Weise herausfordernd ist.
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